April 14, 2019: Palmsonntag C (Deutsch)

Palmsonntag C: Lukas 19:29-38
Zionskirche, den 14. April 2019
Pastor Anke Deibler

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn und Heiland Jesus Christus. Amen.

Jesus zieht in Jerusalem ein. Die Menge der Jünger jubelt und ruft: „Gelobt sei, der da kommt, der König, im Namen des Herrn!“ Jesus wird als König willkommen geheissen. Und doch wird er in nur vier Tagen verhaftet werden und vor Pontius Pilates, dem Repräsentanten des Kaisers, gerichtet werden.

Jesus und Pilates werden sich gegenüberstehen – zwei Männer, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Zwei Männer, die für zwei völlig verschiedene Weisen stehen, Macht zu haben und auszuüben.

Ein gutes Bild dafür, wie verschieden die beiden sind, ist die Art und Weise, auf die sie in Jerusalem einzogen. Pilatus war vom Westen in die Stadt gekommen, Jesus vom Osten. In ihrem Buch „The Last Week“ beschreiben die Theologen Marcus Borg und Dominic Crossan diese zwei Einzüge.

Pontius Pilatus ist der römische Gouverneur von Judäa und Samarien. Er trägt die Macht und die Wucht des römischen Reiches. Seine Prozession demonstriert das. Sie bietet ein Spektakel imperialer Stärke. Pilatus zieht ein an der Spitze einer Kolonne von kaiserlicher Kavallerie und Wehrmacht: Reiter auf Pferden, Fusssoldaten, Lederrüstungen, Waffen, goldene Adler auf den Standarten, die Sonne spiegelt sich auf Metall und Gold.

Die Geräusche sind auch Ehrfurcht einflössend: die marschierenden Füsse, das Knirschen vom Leder, das Klirren von Zaumzeug, der Trommelschlag. Staub wird aufgewirbelt von Mensch und Tier.

Die Zuschauer stehen am Strassenrand und schauen zu – einige mit Neugier, einige mit Staunen, einige mit Missgunst und einige mit Hass.

Diese Prozession fand jedes Mal statt, wenn ein hoher jüdischer Feiertag anstand. Normalerwiese bevorzugte Pilatus das mildere Klima an der Mittelmeerküste. Aber für die grossen Festtage marschierte er immer in solch spektakulärer Weise in die Hauptstadt Jerusalem, nicht um seine Unterstützung zu zeigen, sondern um vor Ort zu sein, falls es Aufstände geben sollte. Seine Demonstration von Macht sollte jeden Gedanken an Widerstand gegen die Römer vernichten.

Jesu Prozession in die Stadt Jerusalem ist total anders. Es ist ein Volksumzug. Da gibt es keine Ordnung, keine Kolonnen und Truppen in Reih und Glied. Dies ist eine Gruppe von Leuten vom Land, die Jesus von Galiläa aus gefolgt sind. Aufgeregte und hoffnungsvolle Menschen von der Strasse schliessen sich ihnen an. Freuderufe erklingen: „Gelobt sei, der da kommt, der König, im Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!“

Jesus reitet nicht auf einem Kriegspferd wie Pilatus, sondern auf einem Esel. Dies ist eine sehr symbolische Wahl. Der Prophet Sacharja hatte verheissen, dass ein demütiger König kommen werde, auf einem Esel reitend. Dieser König werde Friede unter den Völkern schaffen. Er werde allen Krieg beenden, alle Waffen zerstören, alle Kriegswagen und -rosse aus dem Land entfernen.

Jesus hat diesen Einzug geplant. Er wusste, wo die Jünger einen Esel finden würden. Er wusste, wann Pilatus auf grandiose Weise in die Stadt einziehen würde. Das alles war kein Zufall. Während Pilatus vom Westen mit Prunk und Macht in die Stadt reitet, zieht Jesus vom Osten mit Demut und Liebe ein.

Pilatus verkörpert Macht und Ehre und Gewalt. Jesu Prozession verkörpert eine alternative Vision: das Reich Gottes. In fünf Tagen werden diese beiden Männer sich gegenüberstehen. Was für ein Kontrast!

Im Johannesevangelium sagt Jesus zu Pilatus, dass sein Reich nicht von dieser Welt ist. Wäre Jesus ein König nach der Art Roms, hätte er seine Jünger zu den Waffen gerufen; es gäbe Aufruhr und Gewalt und am Ende einen Sieger, der den Verlierer bestraft. So benehmen sich die Königreiche dieser Welt.

Aber Jesu Reich ist nicht von dieser Welt. Es ist nicht so wie die Reiche, die wir je gesehen haben. Jesu Herrschaft ist eine Herrschaft der Gerechtigkeit und der Liebe und des Friedens und der Wahrheit.
Die Wahrheit, die Jesus uns beibringen will, ist die Wahrheit von Gottes Liebe. Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben erhalten. Es ist diese Wahrheit Gottes, die Jesus gelebt hat und für die er gestorben und auferstanden ist. Es ist diese Wahrheit, für die er heute in Jerusalem einzieht. Es ist diese Wahrheit, um derentwillen wir Jesus lieben.

Dennoch ist diese Wahrheit oft schwer für uns zu schlucken und zu vertrauen. Wir leben in einer Welt, die von Macht und Gewalt und Rangordnung bestimmt ist. Wir sind immer in Versuchung, uns einen Gott vorzustellen, der seine Liebe und Gnade und Erlösung denen anbietet, die alle religiösen Anforderungen erfüllen. Weil unser ganzes Leben von der Idee des quid pro quo regiert wird, glauben wir, dass Gott auf die gleiche Weise fungiert.

Aber Gott in Jesus ist anders als der Rest der Welt. Jesus geht es nicht um Gewalt oder weltliche Macht oder quid pro quo. Jesus wird aus Liebe für alle Menschen sterben. Anstatt Gewalt mit Gewalt zu bekämpfen, wie Pilatus das gemacht hätte, zeigt Jesus uns einen anderen Weg: Er gibt sein Leben, um andere zu retten.

Am Palmsonntag werden wir aufgefordert zu überlegen, welchen Weg wir wählen. Heissen wir die Prozession von Pilatus willkommen, die uns mit Macht und Stärke beeindruckt? Oder empfangen wir Jesus, der demütig auf einem Esel reitet und bald sein Leben geben wird.

Heute am Palmsonntag ist es relativ leicht, Jesus zu wählen und Jesus zuzujubeln. Wir schwenken unsere Palmenzweige und freuen uns mit der Menge. Wir begrüssen Jesus und die Liebe und Erlösung Gottes, die er uns bringt.

Werden wir am Donnerstag immer noch zu Jesus stehen, wenn er verhaftet wird? Werden wir am Freitag zu ihm stehen, wenn er ans Kreuz geschlagen wird und stirbt? Oder werden wir wie die anderen Jünger weglaufen? Werden wir mit der Menschenmenge „Kreuzige ihn!“ rufen? Werden wir den Eindruck haben, dass Jesus verloren hat und dass die Mächte der Welt gewonnen haben und dass wir uns lieber diesen Mächten anschliessen sollten?
Das ist die echte Herausforderung für uns, denke ich. Jesus zuzujubeln, wenn Massen anderer Menschen es auch tun, ist relativ leicht. Zu Jesus zu stehen, wenn Demut und Opfer verlangt werden, ist viel schwerer.

Immer wieder im täglichen Leben müssen wir uns entscheiden, welche Prozession wir empfangen. Wählen wir Gewalt oder Demut? Kämpfen wir oder opfern wir uns? Suchen wir Rache oder vergeben wir? Sind wir auf unseren eigenen Vorteil aus oder auf den Vorteil unseres Nächsten? Setzen wir uns für unser Recht ein oder für Gerechtigkeit für die Menschen am Rande unserer Gesellschaft? Welcher Prozession schliessen wir uns an?

Jesus zeigt uns den Weg der Demut und Gewaltlosigkeit, der Opferbereitschaft und Liebe. In seinem Brief an die Philipper ruft Paulus uns heute dazu auf, diesen Geist Jesu zu haben. Unsere Welt hungert nach Menschen, die diese Werte leben und damit das Reich Gottes in diese Welt bringen.

Diese Berufung ist eine harte, aber enorm wichtige Herausforderung für uns Jünger.

Als ich über diese Herausforderung nachdachte, fand ich die folgenden Worte von Pastor David Lohse hilfreich. Ich werde meine Predigt mit seinen Gedanken beenden:

Was ich an diesem Zeitpunkt denke, wo ich immer noch aufgewühlt bin von den Schiessereien in Schulen und Synagogen und Innenstädten, und wo ich eine Welt sehe, die weniger sicher für meine Kinder ist, als die Welt, in der ich aufgewachsen bin, was ich denke ist, dass wir uns an diesem Sonntag versammeln, um zu beten und um Zeugnis abzulegen.
Zu beten, dass Gott die Trauernden tröstet,
diejenigen bestärkt, die Terrorismus vereiteln und Täter vor Gericht bringen,
die Herzen derer bekehrt, die Gewalt als den einzigen Weg vorwärts betrachten,
und uns alle dazu ausrüstet, nach einem Frieden zu streben, der auf Gleichberechtigung beruht,
denn nur solch ein Friede ist dauerhaft.
Und nach unserem Beten sind wir berufen, Zeugnis zu geben:
Den zu bezeugen, der seine Kraft durch Schwachheit demonstriert hat,
der seine Stärke in Verletzlichkeit offenbart,
der Gerechtigkeit durch Gnade schafft,
und der das Reich Gottes aufbaut, indem er diese verwirrte, chaotische und gewalttätige Welt umarmt,
ihren Schmerz in seinem eigenen Leib aufnimmt,
den Tod stirbt, nach dem die Welt verlangte,
und dann vom Tode auferstand, um uns daran zu erinnern,
dass Licht stärker ist als Dunkelheit,
Liebe stärker als Hass,
und dass mit Gott alle guten Dinge möglich sind.
Gott sei Dank für diese Botschaft, denn die Welt braucht sie nötiger denn je.

Und Dank sei all denen, die Jesus empfangen, sich seiner Prozession anschliessen und das radikale Evangelium Christi verkünden. Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn. Amen.

Scope: 
Pastor's Blog
File Type: 
Sermon Text