April 28, 2019: Sonntag nach Ostern C (Deutsch)

2. Sonntag nach Ostern C: Johannes 20, 19-1
Zionskirche, den 28. April 2019
Pastor Anke Deibler

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn und Heiland Jesus Christus. Amen.

Die Jünger sind hinter verschlossenen Türen versammelt. Plötzlich steht Jesus in ihrer Mitte. Die Jünger sind schockiert und angsterfüllt und verwirrt. Jesus muss sie zweimal mit dem Friedensgruss ansprechen und ihnen seine Wunden zeigen, bevor sie sich beruhigen.

Wäre seine Erscheinung aus dem blauen Himmel geschehen, könnte ich ihre Reaktion verstehen. Sähe ich eine tote Person plötzlich vor mir stehen und mit mir sprechen, wäre ich auch schockiert.

Aber dies geschah nicht aus dem blauen Himmel. Jesus hatte seinen Freunden mindestens dreimal gesagt, dass er sterben und nach drei Tagen auferstehen werde. Ausserdem hatte Maria Magdalena ihnen am selben Morgen gesagt, dass sie den Auferstandenen gesehen hatte.

Warum sind sie also von der Osternachricht so überrascht und verwirrt? Warum kauern sie aus Angst, wenn der Herr zu Besuch kommt? In allen Ostergeschichten in den Evangelien gibt es nicht einen Nachfolger Jesu, der die Osterbotschaft hört und „Halleluja!“ oder „Gott sei gelobt!“ ruft. Keiner schreit: „Hab‘ ich doch gewusst!“ Warum?

Vielleicht ist die Auferstehung so weit jenseits des Erfahrungsbereiches, dass sie sich die einfach nicht vorstellen konnten. Ja, Jesus hatte ihnen erzählt, dass er auferstehen werde, aber es fiel den Jüngern zu schwer, sich ein Bild davon zu machen, wie das im wirklichen Leben ausschaute.

Ich wuchs in Deutschland an der Ostseeküste auf. Mehrmals habe ich Leute an den Strand begleitet, die noch nie das Meer gesehen hatten. Wir erzählten ihnen davon, beschrieben die Wasseroberfläche, die sich bis an den Horizont hinzog. Sie hatten wahrscheinlich Bilder gesehen.

Dennoch, als sie tatsächlich im Sand standen und über das Meer blickten, klappte ihnen der Mund offen. Sie waren sprachlos angesichts des Anblicks solcher Wassermassen, solcher riesigen Weite. Davon hören und es mit eigenen Augen sehen sind zwei völlig verschiedene Erlebnisse. Worte versagen dabei, die Realität zu vermitteln.

Ähnlich ist es mit Veteranen und ihren Kriegserfahrungen. Mein Grossvater hat im Zweiten Weltkrieg gedient, mein Schwiegervater in Korea. Keiner von beiden hat je über ihre Dienstzeit gesprochen. Ich habe andere Veteranen danach befragt, und bekam immer wieder die gleiche Antwort: Worte können nicht beschreiben, wie es war. Diejenigen, die dort waren, verstehen. Diejenigen, die nicht dort waren, werden die Realität von Krieg nie begreifen. Worte versagen bei dem Versuch, es hinreichend zu beschreiben.

Worte versagen, wenn Maria Magdalena Jesu Nachfolgern von der Auferstehung berichtet. Voller Aufregung und Freude und Erstaunen begegnet sie der Gruppe mit ihrer Nachricht und beschreibt, was sie gesehen und gehört hat, aber die Jünger kapieren es nicht.

Dann bekommen die Jünger den Auferstandenen selbst zu sehen. Und wieder versagen die Worte, wenn sie Thomas ihre Erfahrung erzählen. Thomas hatte Jesu Besuch verpasst und ist jetzt nicht in der Lage, der Osterbotschaft nur auf Basis der Worte seiner Freunde zu glauben. Worte allein versagen.

Wir haben heutzutage das gleiche Problem. Wir wollen anderen erläutern, wie wunderbar es ist, einem Herrn zu dienen, der lebt und bei uns gegenwärtig ist und uns neues Leben verspricht und ewiges Leben nach dem Tod. Aber unsere Gesprächspartner zucken nur mit der Schulter. Sie kapieren es nicht. Worte versage bei dem Versuch, die Freude, den Frieden und die Hoffnung zu beschreiben, die Ostern uns schenkt.

Der Evangelist Johannes weist uns auf etwas hin, was uns in unserem Zeugnis helfen kann – und auch in unserem eigenen Glauben.

Das erste ist die Verbindung zwischen sehen und glauben. In der Ostergeschichte letzte Woche sieht der geliebte Jünger das leere Grab und glaubt. Heute sehen die Nachfolger Christi den auferstandenen Herrn, erkennen ihn an seinen Wunden und glauben und freuen sich. Thomas verlangt den gleichen Beweis: Wenn er an die Auferstehung glauben soll, muss er Jesus sehen und gar berühren.

Diese Verbindung legt nahe, dass wir, wenn wir anderen beim Glauben an die Auferstehung helfen und auch selbst im Glauben wachsen wollen, Wege finden müssen, sie sichtbar zu machen, vielleicht sogar berührbar. Die Welt ist voller Menschen wie Thomas, die die Kraft des auferstandenen Herrn sehen und fühlen müssen, um zu glauben. Wie können wir das tun?

Die zweite Richtung, in die Johannes uns weist, ist die Bedeutung der Gemeinschaft der Gläubigen. Die Jünger waren alle versammelt. Zusammen trafen sie den Auferstandenen. Zusammen freuten sie sich über seine Gegenwart unter ihnen. Zusammen erhielten sie den Heiligen Geist. Zusammen wurden sie mit der Mission der Vergebung beauftragt. Zusammen wurden sie als Boten in die Welt gesandt.

Alle ausser Thomas. Der war nicht dabei. Ich hatte immer gedacht, dass Thomas nicht da war, weil er Besorgungen machte oder so etwas. Aber in diesem Jahr las ich den Kommentar von jemandem, der tief in das Griechisch des Originaltextes eingedrungen ist. Er sagt, dass die Verbformen, die Johannes hier benutzt, nicht eine momentane Abwesenheit beschreiben, sondern eher eine längere, andauernde. Es hört sich so an, als ob Thomas nicht mehr Teil der Gruppe war.

Wir können es ihm kaum vorhalten, die Jesusbewegung aufgegeben zu haben. Er war so ein leidenschaftlicher Jünger gewesen. Als die anderen Jünger Jesus rieten, nicht nach Jerusalem zu gehen, weil es zu gefährlich sei, war es Thomas, der versprach mit Jesus zu gehen und nötigenfalls mit ihm zu sterben. Ja, Thomas war von Jesus und seiner Mission echt begeistert gewesen.

Aber jetzt war Jesus tot. Er war einen vernichtenden, brutalen, schmählichen Tod gestorben. Es war vorbei. Thomas verliess die Gruppe. Vielleicht war er jemand, der lieber alleine mit Trauer und Enttäuschung rang. Vielleicht bereitete er seine Rückkehr nach Galiläa und seinem alten Leben vor. Was auch immer ihm durch den Kopf ging, Thomas war nicht mehr Teil der Jünger.

Deshalb verpasste er den auferstandenen Herrn.

Die anderen Jünger aber gehen ihm nach, suchen ihn und berichten ihm die wunderbare Osternachricht. Thomas blieb natürlich skeptisch. Obwohl er mit Augenzeugen spricht, die vor Aufregung und Freude und Überschwang fast platzen, reicht es ihm nicht, nur die Geschichte zu hören. Er braucht mehr als nur Worte. Er braucht sichtbaren, berührbaren Beweis, wenn er der Osterbotschaft glauben soll.

Aber er ist willens, es zu versuchen. Er schliesst sich der Gruppe wieder an. Eine Woche später ist er unter den Jüngern, wenn Jesus zurückkommt. Er bekommt den Beweis, nach dem er verlangt hatte. Er sieht und er glaubt. „Mein Herr und mein Gott!“, ruft er. Vom Skeptiker wird er zur ersten Person, die seinen Glauben in Jesus Christus als Mensch und Gott ausdrückt.

Nach diesem Erlebnis kann nichts je wieder den Glauben von Thomas erschüttern. Er wird ein schwer arbeitender Apostel, der unermüdlich seinen Osterglauben verkündet. Der Legende nach ist er bis nach Indien gewandert. Ein alter Zweig der Kirche dort nennt sich bis heute die „Thomas Christen“.

Was war nötig, damit Thomas die Wahrheit und Kraft der Auferstehung
begreifen konnte? Diese Kraft sichtbar gemacht zu bekommen und von der Gemeinschaft der Gläubigen umgeben zu sein. Die Jüngergruppe war durch die Ansicht des lebendigen Herrn entzündet. Von ihrem Osterglauben getrieben, gehen sie Thomas nach. Sie sorgen sich so sehr, dass sie nach ihm suchen, mit ihm reden, ihm das Aufgeben verzeihen, ihn mit all seinen Zweifeln willkommen heissen, ihn mit Fürsorge umgeben, ihn in seiner Suche nach Versicherung unterstützen.

Es ist inmitten dieser fürsorglichen Gruppe, dass Jesus sich nochmals zeigt. Thomas bekommt den sichtbaren Beweis, den er braucht, während er Teil der Gemeinschaft der Gläubigen ist.

Jesus wusste, dass es Menschen schwerfallen werde, an die Auferstehung zu glauben. In grosser Besorgnis um unseren Glauben, unsere Hoffnung und die Zukunft seiner Mission, gab uns der Herr Zugang zu den beiden Dingen, die Thomas halfen, seine Zweifel zu überkommen: sichtbaren Beweis inmitten der gläubigen Gemeinde. Jesus gab uns das heilige Abendmahl als seinen Weg, sichtbar unter uns gegenwärtig zu sein. Jede zweite Woche kommen wir an den Altar und empfangen Brot und Wein. Leib und Blut Christi werden in unsere Hände gegeben; wir können sie sehen und berühren und schmecken.

Wir empfangen dieses Geschenk innerhalb der Gemeinde. Wir sind von gläubigen Menschen umgeben, die uns lieben und hegen; die uns sowohl zu Zeiten soliden Glaubens als auch zu Zeiten von Zweifeln akzeptieren; die traurig sind, wenn wir weggehen, und uns freudig zurückempfangen.

Durch ihre Seelsorge an uns machen sie die Kraft des auferstandenen Erlösers zur Wirklichkeit für uns: ihre Liebe, ihre Vergebung, ihre zarte Berührung, wenn wir uns quälen, ihre Grusskarten aus Beileid oder Mitfreude, ihre Gebete, ihre Bereitschaft, für uns da zu sein – das sind alles Ausdrücke ihres Osterglaubens, und sie alle machen Jesu Gegenwart real für uns.

Wir sind gesegnet. Wir haben die Ostergeschichte; die Evangelien erzählen uns, was die Frauen den Jüngern sagten und die Jünger dem Thomas: „Jesus lebt!“ Aber wir haben mehr als nur Worte. Wir haben das Sakrament von Christi sichtbarer Gegenwart und wir haben die Gemeinschaft der Gläubigen, die Christi Liebe berührbar machen.

Mögen diese beiden Gaben euren Glauben und euren Ruf stärken, als Gottes Ostervolk zu leben. Mögen eure Leben verkündigen: Halleluja, Christus ist auferstanden – Er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn Amen.

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