April 29: Easter 5B (Deutsche)

Easter 5B, 2018. Zion, Baltimore.
Acts 8:26-40; Psalm 22:25-31; 1 John 4:7-21; John 15:1-8
Pastor Eric Deibler

Die heutige Lesung aus dem Johannesevangelium ist einer der Texte, die mich immer etwas beunruhigte. Er beunruhigte mich, denn es scheint nur von Verurteilung zu reden ohne irgendwelche Gnade. Der erste Johannesbrief sagt uns, daß Gott Liebe ist, aber das sehe ich nicht in diesem Text.

Ich bin sicher, daß das etwas mit meiner eigenen Natur zu tun hat. Ich besitze eine gegabelte Personalität, wenn es um meine grundlegende Lebensorientierung geht. Auf der einen Seite bin ich doch ein Christ: eine Orientation, die an sich optimistisch und selbstlos ist. Was könnte optimistischer sein, als der Glaube an die Auferstehung? Was könnte optimistischer sein, als der Glaube an perfekte Liebe und ultimative Vergebung. Ich tendiere dazu, Menschen positiv einzuschätzen, bis die Einstellung sich als falsch erweist. Ich nehme an, daß Jedermann die besten Absichten hat, bis sie es anders demonstrieren.

Auf der anderen Seite kann ich ziemlich zynisch und pessimistisch sein. Obwohl ich den meisten individuellen Menschen vertraue, habe ich wenig Vertrauen an die Menschheit. Ich bereue, nie das T-shirt gekauft zu haben mit dem Aufdruck „Unterschätze nie die Macht von dummen Leuten in große Mengen“. Und obwohl ich als weißer, männlicher Christ fest in der normativen Hierarchie etabliert bin, bin ich kulturellen Institutionen gegenüber noch negativer eingestellt, als der allgemeinen Menschheit.

Im Großen und Ganzen tendiere ich eher zum Letzteren als zum Ersteren. Die Wage neigt sich mehr nach Zynismus/Pessimismus als Optimismus/Altruismus. Als Resultat, wenn ich etwas begegne, das auch nur einen Hauch von einer uneingeschränkten Ausübung der Macht hat, wie z.B. das Ausreissen unproduktiver, vertrockneter Zweige, die auf ein brennendes Feuer geschmissen werden sollen, um zerstört und verbrannt zu werden, gehen meine Abwehr hoch und meine Augen, meine Ohren, und mein Geist schließen sich. Was wahrscheinlich der Grund dafür ist, daß ich 25 Jahren des Predigens gebraucht habe, um etwas in diesem Text zu sehen, was ich nie zuvor gesehen habe. Etwas, was meine Reaktion auf diesen Text total transformierte.

Dies ist nicht meine eigene Einsicht. Meine persönlichen Neigungen, die ich schon dargestellt habe, hätten mich daran gehindert, so was für mich selbst zu entdecken. Nein; für diese Einsicht habe ich David Lose zu danken, dem ehemaligen Präsidenten des Lutheran Theological Seminary at Philadelphia. In seinem wöchentlichen Lektionar-Kommentar meinte er:

„Und ich in euch.“

Das ist der Satzabschnitt in der Lesung des Evangeliums für diese Woche, der es mir ermöglicht, über diese Lesung zu predigen. Ohne ihn fühlt sich viel von dem, was Jesus sagt, als Bedrohung an. Wissen sie, was ich meine? Bleibt in mir, sonst gibt’s was! – werde zurechtgestutzt, verdorre, werde ins Feuer geschmissen, und sterbe! Alles als Bedrohung ausgesprochen, um Leute zu drangsalieren, treu und loyal zu bleiben.

Jesus sagt aber nicht nur: „Bleibt in mir“. Sondern er sagt: „Bleibt in mir und ich in euch.“ Und das verändert alles. Die anderen Aussagen über Stutzen und Verdorren und so weiter sind nicht Drohungen der Einschüchterung, sondern eine Auslegung der Tatsachen; Beschreibungen von dem, was passiert, wenn wir nicht in Jesus bleiben; wenn wir von seiner Liebe und Akzeptanz abgetrennt werden; wir laufen weg oder verstecken uns oder denken, wir können es alleine schaffen, oder wir entscheiden, daß wir alleine stehen können, oder was auch immer. Reben gedeihen nicht so gut, wenn sie vom Weinstock getrennt werden. Höchstens, wie geschnittene Blumen, haben sie einen Ausbruch von Farbe und Blüten, aber dann verblassen und verdorren sie.

Perspektive ist Alles. Dies sind die Konsequenzen der Trennung, nicht Aussagen über den Mangel an Rechtschaffenheit. Es beschreibt die Realität von Trennung und nicht die Bestimmung darüber, wer drin und wer draußen ist. Ohne Jesus, ohne an dem Weinstock befestigt zu sein, verdorren und sterben wir. Es ist eine Deklarierung der Tatsachen, und nicht eine Erklärung von Bestrafung. Jesus hinterlässt seine Jünger mit einem Bildnis, das die unbestreitbare Verbundenheit zwischen ihnen und Jesus kommuniziert, sogar im Angesicht der Abwesenheit Jesu. Es ist ein Bildnis der absoluten Abhängigkeit, sicherer Verläßlichkeit, und einer verbindenden Beziehung, die nur dann durchtrennt wird, wenn wir davon weggehen. Die einzige Verurteilung in diesem Text geht auf uns zurück – wenn wir uns entscheiden, von dem Bleiben in Jesus zu flüchten.

Wahrscheinlich ist das auch zum Teil, was mich an diesem Text wurmt, wenn ich ihn lese. Denn wie die Meisten von uns, mag ich die Idee nicht unbedingt, ganz und gar von jemandem abhängig zu sein. Auch wenn der jemand Jesus heißt. Ich besitze einen eingeborenen, sturen Unabhängigkeitsdrang. Meine Mutter hat mir mal erzählt, daß eins der ersten Wörter, die ich gelernt habe, die Deklaration „Selbst!“ war. Wie zum Beispiel: ich möchte dies oder jenes selber tun. Das wurde etwa 20 Jahre später bestätigt, als ich die psychologische Untersuchung für die Zulassung zu Gettysburg Seminary durchmachte. Also, um es ganz deutlich zu sagen, wenn ich mit dem Finger zeige und über unserer Vorliebe rede, Alles alleine zu machen und zu versuchen, unsere Unabhängigkeit auszuüben, ist mir völlig bewußt, daß die anderen drei Finger auf mich zurück zeigen. Ich bin der Sünde Adams und Evas genauso schuldig, wie alle anderen; die Sünde, wie Gott sein zu wollen.

Das Ironische daran ist, wenn ich mir den Luxus gönne, meine Abhängigkeit von Gott zu erkennen, geht’s mir im Leben besser! Ziemlich doof, nicht wahr? Man würde denken, nach 52 Jahren, daß ich es irgendwann lernen würde, daß mein Leben wahrlich besser ist, wenn ich die bleibende Präsenz Christi in meinem Leben akzeptiere und die Notwendigkeit meines Bleibens in ihm. Jedoch, immer wieder und immer wieder, kann ich im Nachhinein sehen: die Zeiten, wenn mir alles auseinander brach…; die Zeiten, wenn ich abstürzte und in Flammen aufging…; das sind die Zeiten, wo ich erkennen kann, daß ich am weitesten von Jesus entfernt war. Es ist der drei-jährige Eric, der von neuem „Selbst!“ deklariert.

Die Lesung von der Apostelgeschichte zeigt uns, wie effektiv wir im Dienst sein können, wenn wir es uns wahrlich erlauben, völlig auf Jesus abhängig zu sein und von dem heiligen Geist gelenkt zu werden. In dieser Lesung sehen wir eine der Ironien, die geschehen, wenn wir uns von unseren Umständen ablenken lassen und es nicht schaffen, über uns hinweg zu schauen. Vergiss nicht, es waren die Jünger, die von dem auferstandenen Christus damit beauftragt waren, bis ans Ende der Erde zu gehen. „8 aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.“ (Acts 1:8) Im Matthäusevangelium ist der Befehl der viel stärkere Imperativ: „…gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes 20 und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“ (Matthew 28:19-20)

Aber womit haben die Jünger sich tatsächlich beschäftigt? Naja, sie haben so ziemlich ihren eigenen Kram erledigt. Sie sind in Jerusalem geblieben und haben sich der heiligen Schrift und dem Beten gewidmet. Zu einem solchen Masse, dass, als es unter ihnen einen Konflikt über die Austeilung von Essen gab, sie ihm ausgewichen sind. Statt sich daran zu erinnern, daß Christus ihnen am Tisch gedient hat, und selber das Problem zu erledigen, beauftragen sie sieben Männer damit, die Witwen unter den griechischen Christen zu verpflegen, und dadurch werden zu dem was wir heutzutage „Diakonen“.

Philippus ist ein von diesen sieben Diakonen. Diejenigen, die angeblich bis ans Ende der Erde geschickt waren (d.h., die Jünger Jesu) hängen einfach in Jerusalem rum, während alle anderen durch Verfolgung in die Missionsarbeit Gottes in Judäa und Samaria gedrängt werden (Acts 8:1).

Im 8. Kapitel der Apostelgeschichte begegnen wir Philippus, der von dem Streit über der Lebensmittelverteilung weggeschickt wurde, und wir sehen, wie er sprachliche und kulturelle Spannungen überbrückt in fremden Gebieten. Zuerst bringt er das Evangelium nach Samaria (Acts 8:4-25), in Erfüllung von Jesu Verheißung und Befehl in der Apostelgeschichte 1:8. Der Heilige Geist schickt ihn dann zu diesem bestimmten Eunuchen, so unwahrscheinlich eine Person, wie man sich nur vorstellen kann. Der Diakon stellt sich als der echte Jünger heraus!

Wenn wir der Macht des Heiligen Geistes gegenüber aufgeschlossen sind, wenn wir freiwillig unseren Anspruch auf das eigene Leben aufgeben, eröffnen wir uns wunderbaren Möglichkeiten. Philippus wird vom heiligen Geist zum richtigen Ort zur richtigen Zeit getrieben. Dort wird er vom Geist aufgefordert, sich dem Wagen des äthiopischen Kämmerers zu nähern. Der äthiopische Eunuch, ein Mann, der nach dem jüdischen Gesetz jener Zeit doppelt unakzeptable war, denn er war einen Ausländer und ein Eunuch; liest zufälligerweise aus einer Schriftrolle von Jesaja. Und genauso, wie der auferstandene Christus es zweimal für die Jünger getan hat, fängt Philippus mit der heiligen Schrift an, und verkündigt dem Kämmerer die gute Nachricht von Jesus.

Plötzlich, genau im richtigen Augenblick, mitten in der wüsten, mittel-östlichen Wildnis, gibt es eine Wasserquelle. Hervorragend für eine Taufe geeignet! „Siehe, da ist Wasser; was hindert's, dass ich mich taufen lasse?“ (Acts 8:36) Und die Antwort lautet natürlich „Absolut Nichts!“ Nicht, wenn man sich erlaubt, in Christus zu bleiben, und er in dir. Nicht, wenn man sich die Früchte tragen läßt, die man tragen soll, wenn man ein Teil des Weinstocks ist.

Die Geschichte endet auf eine Weise, die dem Anfang der Geschichte ähnelt: Gott kümmert sich darum, daß das Evangelium bis ans Ende der Erde rast, auch wenn diejenigen, die ursprünglich damit beauftragt waren, einfach zuhause in Jerusalem rumsitzen. Der äthiopischen Kämmerer selber bringt die Botschaft nach Afrika. Und der Heilige Geist entfernt Philippus abrupt, um an der Mittelmeerküste entlang zu predigen, bis nach Cäsarea. (Acts 8:40)

Es ist eine wahrhaftig erstaunliche Geschichte. Es ist die Geschichte von dem Hervorbrechen des Gottesreiches. Wir haben diese wunderschöne Umkehrung von den Umständen und dem Stand, die den vorher ausgeschlossenen Eunuchen umarmt. Es gibt aber auch die etwas beunruhigende Umkehrung, in der derjenige, der damit beauftragt war, in Jerusalem am Tisch zu dienen, sich plötzlich beim Tischdecken in der Wüste befindet, während diejenigen, die von Jesus selber in die Weite und Breite losgeschickt worden waren, langsam von der Geschichte der erlösenden Arbeit Gottes verschwinden. Das bedeutet: Gott wird nicht unbedingt auf uns warten. Wir sind an diesem Ort zur Mission berufen. Aber wenn wir unsere Mission nicht ernst nehmen… Oder wenn wir uns in Unstimmigkeiten und Argumente verwickeln… Oder wenn wir uns einfach weigern, die Berufung des Heiligen Geistes zu beachten, und stur darauf bestehen, den eigenen Weg zu finden… Gott wird jemand anders finden, der bereit ist, die Arbeit auf sich zu nehmen.

„Bleib in mir.“ Alleine sind diese Worte höchstens guter Ratschlag oder Ermutigung, im schlechtesten Fall sind sie eine Bedrohung. Aber „bleib in mir und ich in euch“… Das sind Worte des puren Versprechens; gnädige Worte der Präsenz und Providenz. Es sind Worte des puren Evangeliums. Es sind Worte, die mitgeteilt werden müssen, ob von den Dächern geschrieen oder in einem Moment zärtlicher und verwundbarer Stille geflüstert.

„Bleib in mir und ich in euch“. Das sind Worte der absoluten Verheißung. Und was sie verheißen, ist die Kraft, als Körper Christi Dienst zu leisten. Was sie verheißen, ist die Kraft, Leben der Auferstehung zu führen, die das Leben unserer Nächsten verbessern. Was sie verheißen, ist die Kraft, ein in Christus gegründeter Agent von positiver Wandlung und Wachstum zu sein. Was sie verheißen, ist die Kraft, eine Quelle der Freude und Hoffnung in der Stadt Baltimore zu sein. AMEN

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn. Amen.

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