Dec. 10, 2017: Advent 2B (Deutsch)

2. Advent B: Jesaja 40,1-11 und Markus 1:1-8
Zionskirche, den 10. Dezember 2017

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn und Heiland Jesus Christus. Amen.

Ich war etwa fünf Jahre alt, als meine Eltern einige Tage verreisen mussten. Sie liessen mich bei meinem Patenonkel und seiner Familie. Ich war oft in deren Haus zu Besuch, kannte die Familie gut und war mit deren Kindern im gleichen Alter befreundet. Alles lief gut.

Bis ich krank wurde. Ich bekam ein Fieber. An die genaue Krankheit kann ich mich nicht erinnern, aber ich habe immer noch dieses Bild vor Augen: Ich lag auf einer Liege in einer Ecke des Wohnzimmers unter einer Wolldecke und weinte. Alles war in Ordnung gewesen, aber sobald ich krank wurde, wollte ich nach Hause. Ich wollte da sein, wo ich hingehörte. Ich wollte unter den Menschen sein, die mich am meisten in der Welt liebten.

Und dann ging die Tür auf und meine Mutter kam herein. Sie setzte sich neben mich aufs Bett und nahm mich in die Arme und sagte besänftigend: „Alles ist in Ordnung. Ich bin jetzt hier. Ich liebe dich. Und ich bringe dich nach Hause.“

Heute richtet Gott ähnliche Worte an sein Volk Israel.

Das Volk Israel sitzt im Exil in Babylon. Die Babylonier hatten das Heilige Land erobert, den Tempel zerstört, das Land beraubt und die oberen 10,000 von Israel ins Exil geführt. Nun sassen sie in Gefangenschaft in einem fremden Land, fassungslos und benommen. Es ist in dieser Situation, dass Psalm 137 gedichtet wurde: „An den Wassern von Babylon sassen wir und weinten. Wie könnten wir des Herren Lied singen in einem fremden Lande?“

Die Kinder Gottes fühlten sich weit entfernt von Gott, entfernt von der Heimat, entfernt von jeder Hoffnung.

In diese Situation tritt der Prophet Jesaja und verkündet Worte der Hoff-nung: „Tröstet, tröstet mein Volk! Spricht der Herr. Redet mit Jerusalem freund-lich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld verge-ben ist. Zion, du Freudenbotin, sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott!“

Israel war deprimiert und heimwehkrank und fühlte sich einsam und ver-lassen in der Welt. Sie fühlten sich ähnlich wie ich als Kind unter der Wolldecke. Ich war einsam und hatte Heimweh und wollte, dass meine Mutter da sei, um mich zu lieben und nach Hause zu bringen. Sie kam und tat genau das.

Israel erhält die gleiche Verheissung von Gott. Der Prophet verspricht, dass Gott kommen und sein Volk trösten wird. Gott lädt seine Kinder ein, den Weg nach Hause zu beginnen, heim zum gelobten Land, heim in eine liebende, gesunde, gesegnete Beziehung mit Gott. Gutes wird geschehen. Die Zukunft enthält so viel Versprechendes, denn Gott kommt mit Macht, um sein Volk heimzuführen.

Johannes der Täufer hat eine ähnliche Botschaft. Jemand kommt, sagt er, jemand, der mit dem heiligen Geist taufen wird. Macht euch bereit.

Wie soll man sich bereitmachen? Durch Busse. Durch Umkehr des Lebens. Durch Bewegung in Richtung Gott. Johannes ermutigt die Menschen zur Taufe im Jordan, ein auswärtiges Wegwaschen alter Sünden. Aus dem Wasser kommen sie erfrischt hervor, mit neuem Beschluss zur Glaubenstreue.

Sowohl Jesaja als auch Johannes sind Propheten, die Gutes verheissen: dass Gott seine Beziehung mit seinem Volk reparieren will; dass Sünden vergeben werden; dass ein neuer Pfad heim zu Gott sich öffnet. Kehr um, tu Busse, dreh dich um zu Gott und Gottes Willen für dein Leben. Beginn diesen Weg jetzt. Denn Gott ist schon unterwegs.

Dieser Weg ist ein Weg der Hoffnung und führt zu grossem Segen. Leider heisst das nicht, dass der Weg leicht ist.

Israel wird letztendlich Babylon verlassen und in die Heimat zurückkehren dürfen. Die Reise durch die Wüste ist jedoch schwer. Das Land, in dem sie ankommen, ist verwüstet. Sie müssen von vorne anfangen.

Johannes wird bald verhaftet und ins Gefängnis geschmissen und am Ende enthauptet werden, wegen seiner Botschaft der Busse. Viele Jünger erleiden Feindseligkeit, Gefängnis, Vertreibung und Belästigung, sobald sie ihr Leben umkehren und auf Gottes Willen hin ausrichten.

Wir wissen auch alle, wie schwer es ist, Lebensmuster zu ändern. Selbst wenn wir wissen, dass am Ende Gutes auf uns wartet, stolpern wir auf dem Weg dahin. Wir wissen, dass es uns guttäte, etwas Gewicht zu verlieren. Wir wären ge-sünder, hätten mehr Energie und eine geringeres Diabetisrisiko. Macht dieses Wis-sen es einfacher, sich an eine Diät zu halten? Nein; schon gar nicht in dieser Jahreszeit.

Wir wissen, dass unser Leben reicher und erfüllter wäre, wenn wir die Bildschirme um uns herum öfter ausschalten und uns stattdessen mit echten Menschen unterhalten, Spiele spielen, Geschichten erzählen oder in Freiwilligendienst engagieren. Aber machen wir das? Nein; wir verbringen Stunde um Stunde vor dem Fernseher oder folgen den Unternehmungen von Bekannten auf dem I-Phone. Das zu ändern, ist echt schwer.

Wir wissen, dass unsere Beziehungen zu Partnern, Kindern und Eltern, Kollegen und Freunden verbessert würden, wenn wir es lernten, besser zuzuhören, und Zeit und Geduld und Liebe in die Beziehungen investierten. Unser Leben wäre so viel reicher und glücklicher und friedlicher, wenn wir echt an unseren Beziehun-gen arbeiteten. Aber macht dieses Wissen es leichter, den ersten Schritt in die richtige Richtung zu tun? Nein.

Die Gute Nachricht, dass Gott sein Volk heimbringt und dass Jesus sein Volk in das Reich Gottes bringt, enthält die Herausforderung, den ersten Schritt auf dem Weg dahin zu tun.

Daher ist dieser Vers in Jesajas Prophezeiung so wichtig: „Hier ist dein Gott!“ Gott ist schon hier. Ja, Gott führt dich auf einen Weg nach Hause, zu einem gesegneteren Leben. Aber das heisst nicht, dass Gott nur am Ende auf dich wartet. Nein, Gott ist jetzt hier. Gott ist jetzt bei dir. Gott wird dich auf deinem Weg helfen. Gott wird dir bei deinem ersten Schritt beistehen, und beim zweiten Schritt, und bei jedem folgenden Schritt.

Der Trost, den Jesaja verkündigt, ist nicht nur der Trost einer glorreichen Zukunft mit Gott. Es ist auch der Trost, Gott nahe zu wissen, jetzt, während wir noch gefangen oder depressiv oder verloren sind. „Siehe, hier ist dein Gott!“ Gott ist hier, um uns auf unserem Weg in die Heimat von Frieden und Versöhnung zu ermutigen, stärken, unterstützen und segnen.

Diese Woche haben mein Mann und ich einen Film angesehen, der diese Wahrheit wunderschön illustriert. Der Film heisst „The Straight Story“ und erzählt die wahre Geschichte von Alwin Straight, der in einer Kleinstadt in Iowa alt wird. Alwin hat einen Bruder Lyle, mit dem er früher sehr eng war, aber vor 10 Jahren hatten sie einen Streit und haben seitdem nicht miteinander gesprochen.

Eines Tages erfährt Alwin, dass sein Bruder einen Schlaganfall hatte. Alwin entschliesst sich, seinen Bruder zu besuchen und sich mit ihn zu versöhnen, bevor er stirbt. Das Problem ist, dass Alwin in Iowa lebt und Lyle in Wisconsin. Alwin hat keinen Führerschein, weil sein Augenlicht schlecht ist. Was tun?

Alwin baut einen kleinen Anhänger, kuppelt ihn an seinen fahrbaren Rasen-mäher und macht sich auf den Weg von 240 Meilen. Sein Rasenmäher ist 30 Jahre alt, sein Anhänger ist aus Sperrholz mit einer Plane drüber, seine Höchstgeschwin-digkeit ist 5 Meilen pro Stunde, Alwin hat schmerzende Hüften und geht mit zwei Stöcken und er hat sehr wenig Geld. Aber Alwin ist entschlossen, mit seinem Bruder Frieden zu schliessen, solange er noch kann. Und los geht’s.

Es ist eine mühselige Reise: Stunde um Stunde auf dem Rasenmäher, dem Staub von Lastern und Mähdreschern ausgeliefert, abends Würstchen über einem Feuer und nachts in dem wackeligen Anhänger schlafen.

Es ist manchmal gefährlich auf der Reise. Einmal versagen auf einer langen Bergabfahrt die Bremsen. Alwin fährt im September los; nach fünf Wochen auf Reise wird es immer kälter.

Aber es gibt auch viel Segen auf dem Weg, Zeichen dafür, dass Gott diese Reise mit ihm macht.

Alwin trifft eine junge Frau, die von zu Hause weggelaufen ist. Abends sitzen sie am Lagerfeuer und reden über die Bedeutung von Familie. Am Morgen ist sie schon los, auf dem Weg zu ihren Eltern zurück.

Er trifft einen Veteranen. Zusammen sitzen sie im Cafe und tauschen schmerzliche Erinnerungen an ihre Kriegserfahrungen aus, die sie sonst mit niemandem teilen konnten.

Er campiert in einem Friedhof, und der örtliche Pastor bring ihm eine Mahlzeit und setzt sich ans Feuer und sie unterhalten sich.

Als der Rasenmäher kaputtgeht, lässt ein Mann Alwin in seinem Garten aufschlagen, lässt ihn bei der Tochter in Iowa anrufen und setzt sich für lange Gespräche zu Alwin.

Dieser Mann bietet an, Alwin die letzten 60 Meilen im Auto zu fahren, aber Alwin antwortet: „Ich muss dies auf meine Weise erledigen, alleine.“ Auf dem Weg Heim zu Frieden und Versöhnung gibt es keine Abkürzungen.

Nach wochenlanger Fahrt kommt Alwin endlich bei seinem Bruder an. Die Bruchbude sieht verlassen aus. Aber wenn Alwin seinen Namen ruft, erkennt Lyle sofort die Stimme seines Bruders und kommt auf die Veranda. Die beiden alten Männer stehen sich gegenüber, einer mit zwei Gehstöcken, der andere mit Walker. Lyle schaut auf den Rasenmäher mit Anhänger und fragt: „Bist du den ganzen Weg auf dem Ding gefahren, nur um mich zu sehen?“

Alwin sagt: „Ja.“

Keine weiteren Worte werden ausgetauscht. Aber die beiden Männer sitzen da auf der Veranda und schmunzeln. Daheim. Versöhnt. In Frieden.

Es ist diese Art von Weg, auf den uns Jesaja und Johannes nötigen. Er verlangt Entschlossenheit. Er ist zuweilen schwierig. Aber Gott wird den ganzen Weg dabei sein, mit unzähligen Segnungen. Und der Weg wird am Ende zu der Freude führen, dass wir uns daheim fühlen, dass wir Frieden mit anderen Mensch-en haben, dass wir in Harmonie mit Gottes Willen leben, und dass wir Gott auf Weisen getroffen haben, die wir nie erwartet hätten.

Es ist Advent. Lasst uns uns auf Christi Kommen vorbereiten. Lasst uns uns auf den Weg machen. Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinner in Christus Jesus unserem Herrn. Amen.

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Pastor's Blog
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