July 15, 2018: Proper 10B (Deutsche)

10. Sonntag nach Pfingsten: Markus 6: 14-29 und Amos 7:7-15
Zionskirche, den 15. Juli 2018
Pastor Anke Deibler

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn und Heiland Jesus Christus. Amen.

Der Prophet Amos hat eine Vision: Gott steht inmitten seines Volkes und hält ein Bleilot. Ein Bleilot ist eine Schnur mit einem Gewicht am Ende, das Mau-rer benutzen um zu sehen, ob eine Mauer gerade und aufrecht ist. Nun hält Gott so ein Bleilot an sein Volk um zu sehen, ob es gerade und aufrecht in seinem Glauben ist.

Diese Vision droht göttliche Verurteilung an. In all seinen Verkündigungen bis zu diesem Punkt hat Amos dargelegt, auf wie viele Arten die Leute den Willen Gottes verfehlen: sie beuten die Armen aus, während die Reichen in Luxus leben; sie können des Ende von Feiertagen kaum abwarten, um wieder Geld zu verdienen; die Priester lehren das Wort Gottes nicht wahrheitsgetreu; die örtlichen Führer kor-rumpieren das Gerichtswesen; alle sind selbstzufrieden und kümmern sich nicht um ihre Nächsten, vor allem nicht um ihre armen Nächsten.

Nun steht Gott da mit seinem Bleilot, nimmt Mass und befindet das Volk als krumm und mangelhaft. „Gott ist mit euch nicht zufrieden“, sagt Amos. „Es wird ein Gericht geben. Ihr werden dafür bezahlen müssen.“ Amos hat den Mut des Glaubens, die Führer von Volk und Religion ihrer krummen Taten wegen anzuklagen.

Johannes der Täufer tut das Gleiche im Evangelium. Er beschuldigt König Herodes Antipas und seine Frau Herodias, mit ihrer Ehe das Gesetz Gottes gebrochen zu haben. Hier ist etwas Hintergrund dazu:

Königin Herodias war die Enkelin von Herodes dem Grossen. Sie war zuerst mit ihrem Onkel Herodes Phillip verheiratet und gebar die Tochter Salome, die wir heute treffen. Später liess sie sich von ihm scheiden und heiratete Herodes Antipas, den Herodes in unserem Evangelium, der seine Frau verstiess, um Herodias zu heiraten, seine Nichte.

Es war diese Ehe, die Johannes der Täufer öffentlich kritisierte. Frauen durften sich nicht scheiden lassen. Aber was total verboten war, ist, dass eine Frau erst einen Bruder heiratet und dann einen anderen, während der erste Bruder noch lebt. Das galt als Inzest und Ehebruch. Ein grosses Tabu. Johannes klagte sie öffentlich dafür an. Johannes war Gottes Bleilot, das das königliche Paar als verkrümmt befindet.

Wie sich zeigt, sind sie noch viel verkrümmter, als Johannes dachte. Was wir heute im Evangelium hören, ist von Anfang bis Ende schrecklich. Lasst uns einige der Sünden in dieser traurigen Geschichte näher betrachten.

Herodias ist verärgert über Johannes‘ Predigen. Was tut sie? Sie lässt den Propheten verhaften und in den Kerker werfen. Das erinnert an so viele andere Propheten über die Jahre, die den Mächtigen gegenüber die Wahrheit verkündet und schwer dafür bezahlt haben, wie Amos, der aus dem Land geschmissen wurde, wie Martin Luther King Jr. und Dietrich Bonhoeffer und Bishop Oscar Romero und so viele andere, die ermordet wurden.

Herodias benutzt ihre eigene Tochter, um ihren Mann auf ihren Willen hin zu manipulieren. Sie nutzt die Jugend und Tanzkünste ihrer Tochter aus, um ihr Ziel zu erreichen. Wie oft habe ich Kinder gesehen, die von ihren Eltern ausge-beutet oder gezwungen wurden, die Wünsche der Eltern zu erfüllen. Kinder wer-den zu Sport, zu Musik, zu akademischen Leistungen angetrieben von übereifrigen Eltern mit eigenen Agenden.

Hier schickt eine Mutter ihre junge Tochter los, um verführerisch vor ihrem Stiefvater zu tanzen. Die meisten Mütter versuchen, ihre Töchter vor den lüsternen Augen von Stiefvätern zu beschützen. Nicht diese Frau. Sie tut das Gegenteil und platziert ihre Tochter vor dem Stiefvater und seinen Kumpeln, um ihren Charm zur Schau zu stellen. Das ist fruchtbar. Was muss das der Seele Salomes angetan haben.

Noch schockierender, was muss es Salomes Seele angetan haben, den Kopf des Johannes auf einem Teller zu tragen? Ein echter Horror. Aber Herodias sieht nicht, wie sie ihrem Kind schadet; sie sieht nur ihr eigenes Ziel.

Es kam zur Enthauptung, weil König Herodes Antipas vom Tanz des Mäd-chens so betört war, dass er ihr versprach, was auch immer sie haben wollte, sogar sein halbes Königreich. Das ist ein törichtes Versprechen. Er machte es in einem Moment gedankenloser Aufregung. Vielleicht war er auch etwas betrunken. Aber er machte das Versprechen vor seinen Gästen, so dass er es nicht zurücknehmen konnte, ohne Ansehen zu verlieren.

Ein törichtes Versprechen, und es führt zum Tod. Wie oft leiden unschuldige Menschen, weil die Mächtigen vorschnelle und dumme Versprechen oder Ent-scheidungen machen und sie dann nicht rückgängig machen wollen.

Als Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Ungarn 1914 Sarajewo be-suchte, plante er eine Parade in offenem Auto durch die Stadt. Der Geheimdienst warnte ihn vor Attentätern und schlug vor, die Route zu ändern. Aber Franz Ferdi-nand bestimmte, dass die Route geplant sei und nicht geändert werde. Und er wurde erschossen, und das führte zum Ersten Weltkrieg, mit furchtbaren Schmerzen und Verlusten für Millionen von Menschen. Töricht!

Ich frage mich, wie viele Gesetze und Policen heutzutage verhindert werden könnten, wenn Politiker den Mut hätten, Fehler zuzugeben und den Kurs zu wechseln.

Wo wir von heute reden: Wenn Gott heute in dieser Nation sein Bleilot hochhalte, was wäre sein Urteil? Wenn Johannes heute predigte, welche Verstösse gegen Gottes Gebot würde er anprangern? Wo ist die Verkrümmung, die heutige Propheten anklagen sollten?

Es gibt eine Grenzlinie zwischen Staat und Kirche, die sehr wichtig ist. Die Regierung soll sich nicht in Kirchenangelegenheiten einmischen, und die Kirche soll nicht in Politik vermischt sein. Das ist sehr wichtig.

Aber die Kirche ist dennoch berufen, heute mit prophetischer Stimme zu sprechen. Als Kirche dürfen und sollten wir nicht in Parteipolitik einsteigen. Je-doch müssen wir die neutralen Beobachter sein, die alle Parteien kritisieren, wenn sie Gottes Gebote brechen. Amos forderte die korrupten Führer heraus, Johannes forderte das Königshaus heraus, und wir sind ebenso berufen, Fürsprecher für Gottes Willen zu sein.

Als zum Beispiel Immigrantenfamilien an der Grenze verhaftet und Klein-kinder von ihren Eltern getrennt wurden, hat die Kirche sich geäussert. Auf dem Anschlagbrett ist ein Brief, von vielen Kirchenleitern unserer Nation unterzeichnet, eingeschlossen unsere leitende Bischöfin Elizabeth Eaton; dieser Brief protestiert diese Aktionen als Verstoss gegen Gottes Willen. Egal, welche Partei wir unter-stützen, Kleinkinder von ihren Eltern zu trennen ist unrecht. Alle Kinder Gottes können darin übereinstimmen.

Es gibt weitere Anliegen, in denen die Bibel ein klares Wort spricht und wo Gottes Bleilot Verkrümmungen offenbart.

Die Bibel ist eindeutig, dass wir die Armen und Hungrigen versorgen sollen.
Aber in unserer Nation ist eins in fünf Kindern von Hunger bedroht. In diesem reichen Land ist das echt peinlich.

Die Bibel ist eindeutig, dass wir uns um die Waisen und die Witwen und die Fremden kümmern sollen. In Hinblick auf Fremde fehlen wir. Ich meine nicht nur, was an der Grenze vor sich geht, sondern den allgemeinen Argwohn und Feind-seligkeit gegenüber Fremden. Mitglieder unserer Gemeinde haben diese Art Vor-urteil erlebt, als sie eingewandert sind. Ich selbst habe einige echt schmerzhafte Bemerkungen über meine deutsche Abstammung gehört. Wie muss es Menschen ergehen, deren Haut braun oder schwarz ist? Wir als Kirche sind gefordert, etwas über die Behandlung von Fremden zu sagen. Unabhängig von ihren legalen Vorgängen steht ihnen Respekt als Kinder Gottes zu.

Ich könnte noch lange weitermachen. Ich würde gerne das biblische Mandat der Krankenpflege ansprechen und fragen, warum dieses reiche Land nicht Wege finden kann, dass alle Bürger Zugang zu medizinischer Versorgung haben. Ich würde gerne über Gottes Liebe für diesen Planeten sprechen und über die vielen Weisen nachdenken, auf die wir der Erde schaden. Aber genug. Ihr versteht das Prinzip.

Wir sind berufen, etwas zu sagen. Wir sind berufen, Gottes Stimme zu sein. Wir sind berufen, Glauben in unserer Gesellschaft relevant zu machen. Wir sind berufen, wie Amos und Johannes Sünde und Korruption und Unrecht anzupran-gern. Das kann schwer sein; Amos wurde rausgeschmissen und Johannes wurde enthauptet. Warum machen wir es trotzdem?

Erstens, weil Gott uns dazu beruft. Basta.
Zweitens, weil wir uns dann weniger überwältigt und machtlos fühlen. Wir können etwas dazu tun, wenn wir die Stimme erheben, und das gibt uns ein Gefühl der Kraft.

Drittens, aus Liebe. Wenn wir für die eintreten, die keine Stimme haben, zeigen wir unsere Liebe für Gott, indem wir unseren Nächsten lieben.

Viertens, um die Welt zu verändern. Durch unsere Verkündigung transfor-mieren wir die Welt im Sinne Gottes. Allen ergeht es besser, wenn wir uns um die Armen kümmern, die Fremden respektieren, Gleichheit vor dem Gesetz verteidi-gen, so leben, dass andere auch leben können. Das macht nicht nur Gott froh, son-dern auch Gottes Kinder, eingeschlossen uns alle. Stellt euch vor, wie unsere Stadt aussähe ohne Armut, ohne Unrecht, ohne Hass, der zu Gewalt führt, ohne Müll in den Strassen oder im Hafenwasser. Wer würde nicht in so einer Stadt leben wollen?

Das ist, was Gott für uns und unsere Nachbarn will. Um dorthin zu kommen, müssen wir Gottes Willen bekannt machen. Redet darüber hier in der Kirche, bei der Arbeit, wo immer ihr andere Menschen trefft. Schreibt Briefe an die Zeitung. Wendet euch an Senatoren und Abgeordnete. Wählt. Seit informiert und sprecht von der Perspektive des Evangeliums her. So erfüllen wir unsere Berufung als heutige Propheten.

Im heutigen Psalm 85 ist dieser Vers: Gottes Hilfe ist nahe denen, die ihn fürchten, dass seine Ehre in unserem Land wohne. Lasst uns Gott Ehrfurcht geben und seine Propheten sein, damit Gottes Ehre in diesem Land wohne. Amen.

Und der Segen Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

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