July 29, 2018: Proper 12 B (Deutsch)

Proper 12B: Johannes 6,1-21 und 2. Könige 4,42-44
Zionskirche, den 29. Juli 2018
Pastor Anke Deibler

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn und Heiland Jesus Christus. Amen.

Die Speisung der 5000 ist das einzige Wunder, das von allen vier Evangelien berichtet wird. Jeder Evangelist erzählt die Geschichte jedoch auf seine eigene Weise und hebt damit verschiedene Aspekte hervor.

Johannes verankert das Ereignis im Jahreslauf: nahe am Passafest. Passa ist eines der wichtigsten Feste der Juden. Es feiert die Befreiung der Hebräer aus der Sklaverei in Ägypten, die Gesetzesgebung und den Bund zwischen Gott und Volk. Johannes verbindet die Speisung der 5000 mit diesem Fest.

In der Art, wie er die Geschichte erzählt, deutet Johannes auf Passa hin. Zum Beispiel prüft Jesus seine Jünger, wie auch Gott sein Volk in der Wüste geprüft hatte. Jesus sagt den Jüngern, sie sollen die Reste einsammeln, wie auch Mose dem Volk gebot, Manna aufzusammeln. Jesus predigt Gottes Wort auf einem Berg, wie auch Moses Gottes Wort auf einem Berg empfing.

Zusätzlich berichtet Johannes von Jesus auf dem See, der im Sturm zu seinen Freunden kommt; das erinnert an die Spaltung des Schilfmeeres, die Israel
seine Freiheit ermöglichte.

In der besonderen Weise, in der Johannes diese Begebenheiten erzählt, stellt er eine starke Verbindung her zwischen dem Exodus und dem, was jetzt in und durch Jesus geschieht. Die Leute auf dem Gras kapieren das. Sie sehen das Wunder und sagen zueinander: „Das ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll.“

Den Teil haben sie richtig verstanden. Wo sie sich irren, ist in ihrer Erwar-tung davon, was dieser Prophet tun soll. Sie wollen Jesus zum König machen. Warum? Weil Jesus ihre Bäuche füllen kann. Jesus kann sie versorgen. Sie bleiben in ihren eigenen Wünschen und Nöten stecken.

Derart steckengeblieben, übersehen sie die tiefere Bedeutung dieser Vorgänge. Die Speisung der 5000 dreht sich nicht wirklich um das Wunder der Brotvermehrung. Jesus, der auf dem Wasser geht, dreht sich nicht wirklich um das Wunder selbst. Dies sind nur Zeichen, die auf die wahre Bedeutung zeigen.

Johannes spricht nie von „Wundern“, sondern immer von „Zeichen“. Jesus tut Zeichen, wenn er einen Blinden heilt, Wasser in Wein verwandelt und Lazarus auferweckt. Dies sind alles Zeichen, die auf das Neue hinweisen, das in Christus begonnen hat. Sie deuten auf eine neue Realität, eine neue Schöpfung, ein neues Leben im Gottesreich.

Ebenso deuten die Geschehnisse im heutigen Evangelium auf eine neue Wahrheit: In Jesus wird es ein neues Passa geben. Wieder wird Gott sein Volk in die Freiheit führen, diesmal Freiheit von Sünde und Tod. Wieder wird Gott einen Bund schliessen, diesmal ein Bund mit dem Siegel von Tod und Auferstehung Jesu. Wieder wird Gott sein Volk mit wunderbarem Brot ernähren, diesmal mit dem Leib und Blut Christi. Wieder wird Gott dem Volk ein neues Gesetz geben, diesmal das Gesetz der Liebe zu Gott und Nächstem. Wieder wird Gott seine Kinder sicher durch See und Wildnis, Angst und Sturm führen, und sie sicher auf die andere Seite bringen.

Durch all diese Taten schafft Gott wieder ein Volk, eine neue Gemeinde, ein neues Bundesvolk. Gott macht in Christus einen neuen Anfang, und die Wunder Jesu sind nur Zeichen, die auf diese neue Realität hindeuten.

Die Zeichen im heutigen Text deuten auf zwei Bestandteile dieser neuen Realität hin:

Die Speisung der 5000 deutet auf Gottes Fülle hin. Es gibt genug für alle. Unter Gottes Volk haben alle genug zu essen, sind alle versorgt, vertrauen alle der Vorsehung Gottes.

Wenn Jesus mitten im Sturm auf seine Jünger zugeht, deutet das auf Gottes Gegenwart. Als Jesus nahekommt, haben die Jünger Angst. Aber Jesus ruft ihnen zu: „Ich bin’s; fürchtet euch nicht!“ Inmitten des Sturmes versichert Jesus seine Freunde, indem er sagt: „Ich bin, und ich bin bei euch; habt keine Angst.“

Die neue Gemeinschaft, die Gott zusammenruft, ist von diesen zwei Wahrheiten geprägt: die Fülle Gottes und die mächtige Gegenwart Christi. Wir sind berufen, in diese beiden Wahrheiten zu vertrauen und sie zu leben. Damit sind wir berufen, anders als der Rest der Welt zu leben.

Unsere Gesellschaft ist von der Idee der Knappheit getrieben. Wir haben immer Angst, dass es nicht genug gibt. Hört euch nur unsere Werbung an: Solange der Vorrat reicht! Begrenzte Ausgabe! Nur an diesem Wochenende! All diese Slogans wollen uns überzeugen, dass es nicht genug für alle gibt.

Diese Angst ist tief in uns Menschen verwurzelt. Ich habe Kleinkinder in einem Zimmer voller Spielsachen beobachtet, die sich um einen Teddy stritten. Ich habe Schulkinder in der Pause sich um einen Stock zanken sehen. Dieser Angst scheinen wir nie zu entwachsen. Deshalb sehen wir Leute, die die Nacht über vor einem Geschäft Schlange stehen, um als erstes den neuesten Renner zu ergattern. Jedes Jahr werden Käufer im Gedränge am Schwarzen Freitag verletzt oder kommen sogar ums Leben.

Diese Angst ist nicht rational. Wenn wir innehalten und darüber nachdenken, müssen wir zugeben, dass den Geschäften in diesem Land nie die Lebensmittel oder Kleidung oder andere wichtige Dinge ausgehen werden. Und dennoch treibt uns diese Angst vor Knappheit um.

Gott bittet uns, aus der gegenteiligen Haltung heraus zu agieren: Versicherung der Fülle. Jesus tut Zeichen, die auf die Wahrheit deuten, dass es mit Gott eine Fülle von Gaben gibt, eine Fülle von Nahrung, eine Fülle von Liebe und Barmherzigkeit, eine Fülle all dessen, was wir wirklich zum Leben brauchen. Jesu Zeichen zeigt auch darauf hin, dass Jesus bei uns ist; Jesu Trost und Kraft und Versicherung und Leitung stehen uns immer zur Verfügung. Nie werden wir allein die See überqueren müssen; nie werden wir allein den Stürmen ausgeliefert sein; nie werden wir verwaist und verlassen sein.

Lasst uns unser Leben und das Leben unserer Gemeinde auf Versicherung und Fülle aufbauen. Das wird zu einer neuen Lebensweise führen.

Unsere Lesung aus dem alten Testament gibt uns dafür ein gutes Beispiel. Wir lesen heute nur drei Verse, aber die sind voller Inspiration.

Die Geschichte beginnt mit einem Mann, der dem Propheten Elisa sein Erst-lingsbrot bringt. Wir kennen den Namen dieses Mannes nicht, aber wir lernen, dass er ein frommer Mann ist, denn er bringt sein Erstlingsbrot, die ersten Früchte der Ernte. Dieses heilige Opfer wird vom Gesetz verlangt, um Israel daran zu erinnern, dass alle Nahrung von Gott kommt, Gott gehört, und ein Geschenk Gottes ist. Dieses Gesetz über Erstlingsbrote sollte Selbstsucht und Gier im Zaum halten.

Und es funktioniert. Dieser Mann bringt Elisa seine erste Erntefrucht. Dies ist eine Grosszügigkeit, die aus Glauben hervorgeht.

Elisa setzt diese Grosszügigkeit fort: Er teilt die Gaben mit den Leuten. Nichts zwingt ihn dazu. Dieses Teilen ist von der Liebe zu Gott und Gottes Kindern angetrieben.

Obwohl die Menge der Gaben im Angesicht von 100 Menschen klein zu sein scheint, teilt Elisa, was er hat, und vertraut Gottes Fülle. Und siehe da, alle kriegen genug zu essen.

Genau wie in der Speisung der 5000, wo fünf Brote und zwei Fische bei weitem nicht genug sind, aber als sie im Glauben angeboten werden, kann Jesus die Menge damit speisen.

Wir sind berufen, eine Gemeinschaft zu sein, in der diese Art von Teilen geschieht. Wir sind berufen, ein Gottesvolk zu sein, das Gottes Fülle und Jesu mächtige Gegenwart vertraut und dazu bewegt ist zu teilen, was wir haben. Auch wenn es gering aussieht, wenn wir es Jesus im Glauben zur Verfügung stellen, werden wir staunen, was er damit tun kann.

Das hört sich alles idealistisch, utopisch und unwahrscheinlich an. Aber es kann geschehen. Und manchmal geschieht es. Und wenn es das tut, dann gibt es viel Freude und alle Menschen haben zu Essen.

All Jugendliche fuhr ich zu einem der Kirchentage, einer Versammlung von über 100.000 Christen aus ganz Deutschland für fünf Tage voller Gottesdienst, Bibelarbeit, Vorträgen, Diensteinsätzen und mehr.

And einem Tag gingen wir zu einem Freiluftgottesdienst zum Thema der Speisung der 5000. Während des Gottesdienstes wurden Packungen mit Goldfischcrackern und Keksen verteilt, um Brote und Fische zu symbolisieren. Das war toll.

Noch toller aber war, was geschah, als wir mit der Strassenbahn zur nächsten Veranstaltung fuhren. Wir hatten noch Kekse vom Gottesdienst übrig und begannen, sie im Bahnwagen herumzureichen. Leute waren zuerst erstaunt, aber dann lachten sie und bedienten sich und reichten die Packung weiter.

Nach kurzer Zeit reichte jemand eine Tüte Weintrauben herum. Dann kam eine Tafel Schokolade. Andere Esswaren machten die Runde. Leute teilten frei, was sie hatten, weil wir zuerst mit ihnen geteilt hatten. Und wir waren dazu inspiriert worden, weil Gott und Gottes Leute mit uns im Gottesdienst geteilt hatten. Der ganze Bahnwagen war voller Lachen und Freude, und alle hatten genug zu essen.

Diese Leute im Bahnwagen waren ein Vorgeschmack der Gemeinschaft, für deren Erschaffung Jesus gekommen ist. Kannst du dir eine Gemeinschaft vorstellen, wo alle Menschen Gottes Fülle und Christi Gegenwart so sehr trauen, dass sie freizügig teilen? Ach, wie wäre das schön.

Irgendwo muss das beginnen. Es fängt tatsächlich mit Jesus Christus an, der uns von Sünde und Tod befreit, uns mit der Taufe in einen neuen Bund beruft und uns an seinem Gnadentisch reichlich speist. Mit solch Liebe und Gnade und heiliger Speise erfüllt, lasst uns gehen und teilen, was uns gegeben wurde. Lasst uns Gottes Fülle und Christi Gegenwart vertrauen. Lasst uns der Kraft des heiligen Geistes in uns trauen und zu teilen wagen. Wir werden uns wundern, was Gott mit unseren Gaben erreichen kann. Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn. Amen.

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