March 25, 2018: Palmsonntag (Deutsche)

Palmsonntag B: Markus 11:1-11 und Philipperbrief 2:5-11
Zionskirche, den 25. März 2018
Pastor Anke Deibler

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn und Heiland Jesus Christus.

Jesus zieht in Jerusalem ein. Die Strasse, auf der er einzieht, gibt es immer noch. Auf der Kuppe vom Ölberg halten die Touristenbusse an und lassen ihre Gäste aussteigen. Links liegt der grösste jüdische Friedhof der Welt, so begehrt, weil viele Juden glauben, dass der Messiah auf dem Ölberg erscheinen wird. Am Fusse des Ölberges liegt der Garten Gethsemane; einige seiner Olivenbäume sind so alt, sie wuchsen schon dort, als Jesus dort verhaftet wurde. Geradeaus ist der Zionsberg mit den Mauern der Altstadt von Jerusalem. Eine beeindruckende Strasse, damals wie jetzt.

Ausser Bussen und Touristen gibt es noch etwas auf dem Ölberg: Eseltreiber, die anbieten, dein Bild auf einem Esel zu knipsen oder dich auf einem Esel in die Stadt reiten zu lassen. Das ist nicht billig: $50 für ein Bild; $150 für einen Ritt nach Jerusalem. Sie können solche Preise verlangen, weil hier der berühmteste Eselritt der Welt stattgefunden hat: Jesu Einzug nach Jerusalem auf einem Esel.

Auf einem geliehenen Esel. Jesus hat keine $150 bezahlt, hat den Esel weder gemietet noch gekauft. Jesus hat den Esel geliehen. Seine Jünger haben ihn geholt und dem Eigentümer versprochen, dass er ihn bald wiederkriegen werde. Dieses Ausleihen des Esels hat mich zum Nachdenken gebracht.

Der Tag ist aufregend. Alle Leute sind auf der Strasse. Es ist fast Passa und die Stadt wimmelt von Pilgern und Gästen aus aller Welt. Und nun kommt Jesus! Die Leute stehen am Strassenrand und wedeln mit Palmen und breiten ihre Mäntel auf den Weg und rufen voller Freude: „Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn. Hosianna!“

Alle sind begeistert, dass Jesus kommt. Der König. Der Messias. Der Sohn Davids. Hier kommt der Erlöser, der Befreier, der Träger ihrer Hoffnung.

Und er kommt auf einem ausgeliehenen Esel. Was für ein König ist das?

Dass er den Esel geliehen hat, passt gar nicht in das Bild eines Königs. Es passt aber sehr gut zu Jesus. Als Jesus geboren wurde, hauste er in einem geliehenen Stall und lag in einer geliehenen Krippe. In seinen Wanderungen durchs Land hatte er kein Heim, keinen Ort, wo sein Haupt ruhen konnte. Auf einem geliehenen Esel reitet er in die Stadt. Er wird sein letztes Mahl mit den Jüngern in einem geliehenen Raum feiern. Er wird an einem Kreuz sterben, dass den Römern gehört, und dabei eine Dornenkrone tragen, die ein Witzbold ihm aufgesetzt hat. Nach dem Tod wird Jesus in einem geliehenen Grab beerdigt werden.

Jesus hat in seinem Leben fast keine Habe besessen. Es lag ihm nichts an Besitz, und er hat nie versucht, etwas zu ergattern, was ihm nicht gehört hat. Stattdessen hat er von anderen geliehen und selbst freigiebig geteilt, was er hatte.

Die frühe Kirche hat über diesen Charakter Jesu nachgedacht und in einem Lied erklärt: „Obwohl er in göttlicher Gestalt war, hielt er es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäusserte sich selbst.“ Das haben wir heute aus dem Philipperbrief gelesen.

Unser Herr hielt nicht an himmlischer Ehre fest und hat seine Position nicht für sich ausgenutzt. Er hat sich nie jemandem aufgezwungen. Er hat sich stattdessen entäussert, hat sich völlig zum Wohl anderer weggegeben.

Dies ist erstaunlich, nicht wahr? Jesus, der Sohn Gottes, hat in dieser Welt fast nichts besessen. Er hatte sein Gewand, sein Manteltuch, seine Sandalen, und weiter nichts. Nachdem er verhaftet worden war, verlosten die Soldaten auch noch seine Kleidung. Da hatte Jesus überhaupt nichts mehr.

Von seinen Jüngern erwartete Jesus das Gleiche. Als er sie auf Missionsreise schickte, gebot er ihnen, nichts mitzunehmen als einen Stab; kein Brot, keine Tasche, kein Geld, kein extra Hemd. Was sie stattdessen mitnehmen sollten, war der Frie-densgruss und die gute Nachricht des Evangeliums. Die Botschaft, dass Gottes Reich nahe ist, braucht nicht viele Requisiten. Sie braucht nur Jünger, die diese Botschaft selber glauben und mit Elan verkündigen.

Das ist ein echter Kontrast zu unserer Konsumgesellschaft. Alle wollen mehr und mehr: ein grösseres Haus, ein schnelleres Auto, eine höhere Position. Wir haben es gelernt, alles nach Äusserlichkeiten zu bewerten: Kleidung, Haare, Make-up in Bezug auf Personen; besondere Effekte in Filmen – manchmal habe ich den Ein-druck, dass diese Effekte wichtiger geworden sind, als der Inhalt des Films.

Die Kirche ist von diesem Einfluss nicht verschont geblieben. Neue moderne Gebäude, grosse Stereoanlagen, PowerPoint Bilder auf grossen Leinwänden sollen die Massen erstaunen.

Habt ihr von der Kirche in der Nähe von Washington gehört, die angekündigt hat, am letzten Sonntag vier Autos zu verschenken? Plötzlich waren dreimal so viele Leute wie üblich im Gottesdienst. Ich bin gespannt, wie viele von den Besuchern heute wieder in der Kirche sind. Wenn das Spektakel eines möglichen Autogewinns sie angelockt hat, werden sie für das Evangelium wiederkommen?

Heute werden wir daran erinnert, dass das Evangelium solche Produktionen nicht braucht. Der Retter der Welt reitet auf einem geliehenen Esel den Hügel zum Kreuz hinab.

Dieser Retter hat verkündigt, wer die Gesegneten sind: Die Menschen, die nicht viel haben. Die geistig Armen, die Trauernden, die Schwachen, diejenigen, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten. Solche Leute sind gesegnet. Die sind geseg-net, die ihren Besitz nur mit leichter Hand halten, weil sie wissen, dass alles im Leben von der Grosszügigkeit Gottes abhängt. Dies sind die Menschen, die alles haben.

Mönche geben allen Besitzt weg, wenn sie ins Koster eintreten, und besitzen nichts ausser der Kleidung auf ihrem Rücken. Ein Benediktiner wurde gefragt, warum er bereit sei, so zu leben, ohne allen Besitz. Er antwortete: „Wenn dein Schrank leer ist, hast du mehr Platz für Gott.“

Dies lässt mich an das Zimmer denken, dass zwei meiner Töchter lange Jahre geteilt haben. Man konnte kaum den Teppich sehen, weil so viele Klamotten auf dem Fussboden lagen. Der Schrank quoll über. Und mein Kind beschwerte sich: „Ich hab nichts zum Anziehen!“

Wie viele Leute haben übervolle Bücherregale und -zig Filme auf Netflix oder Amazon, und leiden dennoch unter Langeweile?

Nicht viel zu besitzen und nicht viel zu wollen, erlaubt eine Schlichtheit, die ihren eigenen Reiz, ihre eigene Schönheit, ihren eigenen Segen hat. Diese Schlicht-heit bedeutet Freiheit; Freiheit, anderen Menschen echte Aufmerksamkeit zu schenken. Wenig lenkt davon ab, die tiefen Nöte der Welt wahrzunehmen. Nichts liegt im Wettbewerb mit Glaubenstreue.

Genau wie die Landbevölkerung, unter der er lebte, hat Jesus nicht viel besessen. Was er aber besass, war von unendlichem Wert.

Er besass eine gründliche Kenntnis der heiligen Schrift. Er betete die Psalmen, schöpfte Hoffnung aus den Sprüchen der Propheten und lernte Demut von den Büchern der Weisheit.

Er besass Einfühlungsvermögen für die tiefsten Nöte der Welt. Er bemerkte den Schmerz von Reich und Arm. Er verstand die Kräfte, die eine gute Person aus dem Gleichgewicht werfen und verderben können. Er bot Vergebung an, um Pein zu lindern und um Körper und Seele zu heilen.

Und er besass Liebe, sein grösster Reichtum; Liebe für jeden einzelnen Men-schen. Seine Liebe war nie die Art, die einen bedrängt und Anforderungen stellt. Sie war vielmehr die Art von Liebe, die bereitwillig gab, was immer sie geben konnte, um anderen das Leben zu verbessern. Die Art von Liebe, die sich entäussert und demütigt.

Und so reitet der besitzlose Jesus auf einem geliehenen Esel in die Stadt Jerusalem. Darin zeigt uns Jesus einen Gott, der in seinem wahren Innern nicht besitzgierig ist, sondern sich selbst weggibt. Jesus ist die Verkörperung Gottes, der seine Macht darin demonstriert, dass er eigene Macht ablehnt.

Heute gedenken wir Jesu, der arm in die Stadt einzieht, der er so viel schenken will, die ihn aber ans Kreuz schlagen wird. Wir gedenken Jesu, der auf einem geliehenen Esel einreitet, um sich selbst der Welt zu opfern. Ein Mann mit wenig Besitz, wird er sich all seiner Macht entäussern, um die Welt zu retten.

Heute zieht Jesus hier ein, um uns von Gier und Selbstsucht zu befreien, um Raum in unserem Leben zu finden und um uns mit seiner Liebe reich zu machen.

Gesegnet sei der da kommt im Namen des Herrn. Hosianna.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

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