March 31, 2019: Lent 4C (Deutsch)

4. Passionssonntag C: 2 Korintherbrief 5,16-21 und Lukas 15, 1-3.11b-32
Zionskirche, den 31. März 2019
Pastor Anke Deibler

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn und Heiland Jesus Christus. Amen.

„Christus hat uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt.“ So schreibt Paulus an die Gemeinde in Korinth. Er erklärt, wie Gott sich in Christus mit der Welt versöhnt hat. Er schreibt: „In Christus versöhnte Gott die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu.“

Die Versöhnung und Vergebung, die Gott uns anbietet, beruht völlig auf seiner Gnade. Wir sind Sünder. Wir haben immer wieder gegen Gott gesündigt. Gott weiss das. Aber in seiner Gnade entscheidet Gott, uns diese Sünden nicht mehr anzurechnen.

Leute sagen oft „vergib und vergiss“. Das halten sie für den Weg, Beziehungen zu heilen. Aber ich bin nicht so sicher, dass das stimmt. Wenn wir vergessen könnten, wirklich vergessen, was die andere Person uns angetan hat, dann bräuchten wir nicht mehr zu vergeben, denn wir könnten uns nicht mehr an die Beleidigung erinnern.

Hier ist ein Beispiel: Ein Kollege dient als Seelsorger in einem Altersheim mit einer Demenzabteilung. Eines Tages zog eine neue Patientin ein. Er wusste nicht, dass sie eine Residentin war, und hielt sie für eine Besucherin. Am Ende sagte er etwas zu ihr, dass sie sehr unglücklich machte. Er fühlte sich furchtbar.

Am nächsten Tag ging er, um die Dame zu besuchen. Sie freute sich, den Seelsorger kennenzulernen. Sie hatte keine Erinnerung an das Geschehen am Vortag. Vergebung und Versöhnung waren nicht nötig, weil die Dame keine Ahnung mehr hatte, dass die Beziehung verletzt worden war.

Wirklich, wenn wir vergessen könnten, wäre Vergebung überflüssig.

Das Vergessen ist aber eine schwere Herausforderung. Beleidigungen, Kränkungen und Ungerechtigkeiten verfolgen uns. Wir liegen nachts wach und erinnern uns an all die Leute, die uns schlecht behandelt haben. Wir halten am Groll fest. Wir können einfach nicht vergessen.

Nach Paulus in seinem Brief heute sind wir nicht aufgefordert zu vergessen. Gott weiss, dass wir das nicht können. Wir sind berufen zu vergeben. Wir sind berufen zu versöhnen. Wir sind berufen, Beziehungen zu heilen. Gott erwartet, dass wir genau wissen, was die andere Person uns angetan hat, und dennoch die Hand reichen und Versöhnung anbieten und in Frieden mit der anderen Person leben.

Jesus erzählt uns heute ein Gleichnis, das diese Art von Versöhnung gut beschreibt. Wir nennen es meistens das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Ein besserer Titel wäre „Das Gleichnis vom vergebenden Vater“, denn seine Vergebung ist das Herz der Geschichte.

Lasst sie uns etwas näher betrachten.

Hier ist ein Vater mit zwei Söhnen. Sie leben und arbeiten auf dem Familienhof. Der ältere Sohn tut pflichtbewusst seine Arbeit. Der jüngere Sohn ist ruhelos und befürchtet, das Leben zu verpassen, wenn er auf dem Hof bleibt. Diese Angst treibt ihn dazu, zu seinem Vater zu sagen: „Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht.“

Diese Forderung ist auf mehrere Arten anstössig.

Nummer eins: Der Sohn fragt nach seinem Erbe, bevor der Vater tot ist. Im Prinzip sagt es: „Ich wünschte, du wärst tot, damit ich dein Geld kriege.“ Das ist in jeder Kultur unverschämt, aber besonders in Jesu Kultur, wo Eltern geehrt werden.

Nummer zwei: Indem er nach Bargeld verlangt, gefährdet der Sohn den Familienbetrieb. Bauern sind immer land-reich und bargeld-arm. In unserer anderen Gemeinde war ein Bauer, der vor ein paar Jahren starb. Er hinterliess seinen vier Kindern den Hof. Ein Sohn bebaut ihn. Wenn auch nur eins der Geschwister seinen Anteil in bar verlangte, hätte der Hof nicht überlebt. Auf gleiche Weise gefährdet das Verlangen des jüngeren Sohnes den Familienbetrieb.

Nummer drei: Der Sohn und sein Benehmen sind eine Beschämung für den Vater. Dorfgemeinschaften waren damals sehr eng. Dein Stand in der Gemeinschaft wurde von Ehre und Scham bestimmt. Wenn du und deine Kinder sich ehrbar benahmen, stiegst zu im Ansehen. Wenn du und deine Kinder sich unwürdig benahmen, verlorst zu Ansehen. Was der jüngere Sohn macht ist total unwürdig. Er bringt Scham auf seine Familie.

Aber er ist so ungeduldig und begierig, dass er all das nicht sieht. Er nimmt sein Geld und zieht los. Eine zeitlang geht alles gut. Leute mit Geld finden immer Freunde. Die Probleme fangen an, als das Geld ausgeht. Gleichzeitig zieht eine Hungersnot durchs Land. Der junge Mann ist fern der Heimat; niemand fühlt sich verantwortlich, ihm zu helfen. Am Ende muss er Schweine hüten, furchtbar für einen Juden. Er ist hungrig und einsam und verzweifelt.

Wie er da bei den Schweinen sitzt, denkt er nach. Er vergleicht seine gegenwärtige Lage mit seinem ehemaligen Leben. Ihm geht auf, dass sogar die Knechte auf seines Vaters Hof ein besseres Leben haben als er im Schweinestall. Also entschliesst er sich, nach Hause zu gehen und seinen Vater um Arbeit zu bitten.

Die Kommentare sind sich nicht einig, ob die Reue und Entschuldigung des Sohnes aufrichtig sind oder nicht. Ist er ehrlich bestürzt über sein Verhalten? Oder übt er eine Rede ein, von der er weiss, dass sie dem Vater ans Herz gehen wird? Wir wissen es nicht. Und es ist letztendlich egal, denn er kommt nie dazu, die ganze Rede zu geben.

Der Vater hat den Sohn am Ende der Strasse erspäht und läuft ihm entgegen. Dies ist eine der Szenen in der Bibel, die mich immer berühren. Der Vater hat tage- und wochen- und monatelang den Horizon beobachtet, immer in der Hoffnung, die Silhouette seines Sohnes zu erblicken. Und plötzlich ist er da.

Der Vater rennt. Das Dorf schüttelt den Kopf; alte Männer rennen nicht; es ist nicht würdig. Aber dem Vater ist das egal. Er sieht den Sohn und rennt los, aus Liebe, aus Freude, - und aus der Notwendigkeit, ihn vor den Dorfbewohnern zu erreichen. Die sind so sauer auf ihn, dass sie ihn vertreiben würden.

Der Vater muss ihn zuerst erreichen, und er tut es. Er umarmt den Sohn. Er lässt Schuhe und Gewand und Ring bringen, Zeichen, dass der Sohn wieder als Haushaltsmitglied hergestellt ist. Der Vater gibt ein Fest. Warum? Weil alle, die zu dieser Party kommen, den Sohn begrüssen und akzeptieren müssen. Das ebnet den Weg in die Dorfgemeinschaft zurück.

Dieser Vater tut, was er kann, um den Sohn mit sich selbst und mit der Dorfgemeinschaft zu versöhnen. Er hat nichts von dem vergessen, was der Sohn im angetan hat: das Herzeleid, die Scham, den Schmerz, den Skandal. Und dennoch bietet er ihm Vergebung und Liebe an. Er ist ein inspirierendes Beispiel für die Art von Versöhnung, von der Paulus schreibt.

Sobald der jüngere Sohn durch die Vergebung und Gnade und Grosszügigkeit des Vaters wiederhergestellt ist, ist die Arbeit des Vaters aber noch nicht getan. Denn da ist der andere Sohn, der ältere Sohn, der über diese Entwicklung der Dinge gar nicht froh ist.

Er arbeitet im Feld und hört von der Wiederkehr des Bruders und der Party, die der Vater ihm gibt. Und er ist sauer. Er weigert sich, zur Feier zu kommen.

Jetzt ist es der ältere Sohn, der seinem Vater weh tut.

Nummer eins: Er weigert sich, die Freude das Vater zu fühlen, und dämpft damit die Freude seines Vaters.

Nummer zwei: Er verleumdet seinen Bruder. Die Geschichte sagt uns nicht genau, wie der Sohn sein Geld verjubelt. Es ist der ältere Bruder, der annimmt, dass er es mit Huren verprasst hat. Er kann das nicht wissen, aber er sagt es dennoch.

Nummer drei: Seine Eifersucht macht ihn blind. In seiner Wut auf seinen Bruder kann er all die guten Dinge nicht sehen, die er in der Gegenwart seines Vaters all die Jahre geniessen konnte. Seines Vaters ganzer Besitz stand ihm zur Verfügung. Aber er kann nicht sehen, was er hat, sondern nur, was sein Bruder bekommt.

Der Vater nötigt diesen Bruder auch dazu, nach Hause zu kommen. Der Vater vergibt diesem Sohn auch und bietet ihm Versöhnung an. Zweimal in der Geschichte überschreitet der Vater seine Türschwelle: einmal, um sich mit dem jüngeren Sohn auf der Strasse zu versöhnen, und einmal, um sich mit dem älteren Sohn im Feld zu versöhnen.

Zweimal erinnert dieser Vater genau, wie seine Söhne ihm wehgetan haben; aber zweimal entscheidet er sich, in Paulus‘ Worten, „ihnen ihre Sünden nicht anzurechnen“.

Paulus und Jesus erinnern uns beide daran, dass Gott sich uns gegenüber wie der Vater verhalten hat. Wir haben uns wie die Söhne benommen: egoistisch und gierig, von Gottes Liebe weggehend; blind in Hinsicht auf die Dinge, die Gottes Segen uns sendet; eifersüchtig auf Leute, die ein besseres Leben zu haben scheinen; immer befürchtend, dass uns etwas entgeht.

Gott ist uns entgegengekommen, wenn wir verzweifelt auf der Strasse oder schmollend im Feld waren. Gott hat uns mit Liebe und Vergebung und Versöhnung die Hand gereicht und hat uns nach Hause gebracht, in dieses Haus, an diesen Tisch, zu dieser Feier.

„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ So beten wir im Vaterunser. Das ist die Berufung, die wir in den heutigen Bibellesungen hören. Gott hat uns unzählige Male willkommen geheissen, hat uns unzählige Male vergeben, hat uns unzählige Male als seine Kinder wiederhergestellt. Wir haben erfahren, wie es sich anfühlt, freudig begrüsst und umarmt und an Gottes Tisch gespeist zu werden.

Unser Ruf ist es nun, andere den gleichen Segen erfahren zu lassen. “Botschafter Christi“ nennt Paulus uns. Als Kinder Gottes und Mitglieder des Leibes Christi repräsentieren wir Jesus, wo immer wir sind. Heute bittet Gott uns, Jesu Vergebung und Versöhnung zu repräsentieren. Lasst uns unser Bestes geben, um der Welt willen, die Versöhnung so sehr braucht. Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinner in Christus Jesus unserem Herrn. Amen.

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